Warum rätseln?

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Seit Jahrtausenden fasziniert das Lösen von Rätseln und Puzzles die Menschen. Von den antiken Rätseln der Griechen bis hin zu den modernen Kreuzworträtseln hat das Rätsellösen eine lange und reiche Geschichte.
Warum sind wir so von dieser Aktivität angezogen? Und wie profitiert unser Gehirn von regelmässigem Denksport?

«Es ist am Morgen vierfüssig, am Mittag zweifüssig, am Abend dreifüssig. Von allen Geschöpfen wechselt es allein mit der Zahl seiner Füsse; aber eben wenn es die meisten Füsse bewegt, sind Kraft und Schnelligkeit seiner Glieder ihm am geringsten.»

Dieses Rätsel* ist vermutlich eines der ältesten der Menschheitsgeschichte: Es stammt aus der griechischen Mythologie. Die Sphinx tötete im Mythos alle, die es nicht lösen konnten. Erst Ödipus löste die Aufgabe und befreite seine Mitbürger.

Es gibt zahlreiche Erklärungsansätze dafür, was uns Menschen am Rätseln so gefällt. Am naheliegendsten ist vermutlich, was der Psychologe und Rätselforscher Rüdiger Hossiep in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung erklärte: Es gehe beim Rätsellösen darum, sich Herausforderungen zu stellen und sich zu messen – mit sich selbst und mit anderen. «Im ersten Fall prüfe ich, was ich selbst weiss, wie zufrieden ich mit meiner Bildung bin, im zweiten Fall schaue ich, wie gut ich gegen andere abschneide.» Doch die positiven Effekte des Rätselns gehen weit darüber hinaus.

Entspannung und bessere Stimmung
Ein bis zwei Stunden vor dem Schlafengehen sollten wir unserem Gehirn einen Gefallen tun und Bildschirme wie Tablets, Smartphones und Fernseher meiden. Greifen wir stattdessen zu einem Buch oder Rätsel, wird das Einschlafen deutlich leichter fallen. Dies auch, weil Rätsel den Menschen beim Stressabbau unterstützen. Rätseln hält uns nämlich im Hier und Jetzt fest, man tut, was uns in der heutigen schnelllebigen Zeit schwerfällt: Ganz im Moment, in kniffligen Überlegungen versinken. Finden wir die Lösung, so gibt das eine Befriedigung und Entspannung, die wir uns im Alltag oft wünschen: Schnell die richtige Antwort parat zu haben.

Ein weiterer positiver Effekt des Rätselns trägt zusätzlich zu dieser Entspannung bei: Es kann die Stimmung heben. Egal, ob Erfolge in der Karriere, beim Sport oder eben beim Lösen eines Rätsels erreicht werden; der Botenstoff Dopamin wird bei jedem Erfolgserlebnis ausgeschüttet.

Dopamin steigert die Stimmung und ermutigt uns, weiterzumachen. Ein erfolgreich gelöstes Rätsel trägt so zu mehr Zufriedenheit bei. Dass Rätsel meistens wenig mit dem Alltag zu tun haben, zum Beispiel mit der Schulbildung, gewährt einen zusätzlichen Anreiz – jede und jeder kann hier ein Erfolgserlebnis haben.

Hirntraining durch Rätsel
Dazu kommt, was wir uns bei der Hirnliga zunutze machen: Wie alle komplexen Aufgaben, die man sich stellen kann, trainiert auch das Lösen von Rätseln das Gehirn. Insbesondere das Kurzzeitgedächtnis und die Konzentration werden beim Rätseln geschult, weil man oft komplizierte Gedankenketten bilden muss, ohne den Faden zu verlieren. Studien belegen den positiven Effekt von Denksport. So zeigte zuletzt 2019 eine Studie der Universität Exeter mit mehr als 19 000 Probanden: Je regelmässiger Menschen im Alter von über 50 Jahren Denksportaufgaben wie Kreuzworträtsel und Sudoku lösten, desto besser schnitten sie in Tests bezüglich verschiedenen Hirnfunktionen ab: Gedächtnis, Aufmerksamkeit und logisches Denken entsprachen im Durchschnitt den Leistungen von bis zu 10 Jahre jüngeren Menschen.

Ein Versuch des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin zeigte allerdings: Der Effekt verblasst relativ bald wieder, wenn man mit den Übungen aufhört. Und: Je komplexer und vielfältiger die Rätsel sind, desto positiver sind die Effekte. Wer immer denselben Typ Rätsel löst und hier irgendwann Routine erlangt, baut seine kognitiven Fähigkeiten dadurch nicht mehr weiter aus. Es lohnt sich also, das Gehirn immer wieder neu herauszufordern. Hat man einmal keine Lust auf Rätsel, helfen auch Lesen, Musizieren oder ein neues Rezept ausprobieren – wichtig, um das Gehirn frisch zu halten, ist einzig, immer einen «aktiven kognitiven Lebensstil» beizubehalten.

Geben Sie also nicht gleich auf, wenn Ihnen einige der Rätsel in unserem Heft weniger gut liegen und Ihr Gehirn an seine Grenzen bringen. Wie schon der Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn sagte: «Die Lösung ist immer einfach, man muss sie nur finden.»

 

* Rätsel der Sphinx: In der Übersetzung von Gustav Schwab (Die schönsten Sagen des klassischen Altertums) antwortete Ödipus – korrekterweise – folgendes: «Du meinst den Menschen, der am Morgen seines Lebens, solange er ein Kind ist, auf zwei Füssen und zwei Händen kriecht. Ist er stark geworden, geht er am Mittag seines Lebens auf zwei Füssen, am Lebensabend, als Greis, bedarf er der Stütze und nimmt den Stab als dritten Fuss zu Hilfe.

Das Gehirn ist unser wichtigstes Organ. Und doch wissen wir nur wenig darüber.

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