Persönliche Geschichten

«Die grösste Herausforderung bleibt die Unsichtbarkeit der Verletzung»

Mit 38 Jahren ist Brigitte gesund, fit und voller Lebensfreude. An einem Sonntag wandert sie mit ihrem Partner und Freunden in den Luzerner Voralpen. Am Abend kehrt sie nach Hause zurück. Was dann passiert, trifft sie ohne jede Vorwarnung: extreme Kopfschmerzen – zwischenzeitlich verliert sie das Bewusstsein. Sie muss in den Notfall.

Im Spital in Luzern wird eine Hirnblutung diagnostiziert: eine Subarachnoidalblutung (SAB). Dabei gelangt plötzlich Blut in den Raum rund ums Gehirn. Brigitte hatte keine Vorerkrankung, keinen Risikofaktor, es ist auch bei der Wanderung nichts geschehen. Als sie ihre Ärztin später fragt, wie so etwas passieren konnte, ist die Antwort ernüchternd: Sie hätte nichts tun können – sie hatte lediglich Pech.

Da sich die Hirnblutung im Luzerner Kantonsspital nicht behandeln lässt, wird sie mit der Rega nach Zürich verlegt. Dort wird sie in ein künstliches Koma versetzt. Fünf bis sechs Wochen liegt Brigitte beinahe regungslos da, ihr Puls auf 30 bis 40 Schläge heruntergefahren. 

Erst nach der Verlegung zurück nach Luzern dämmert ihr das Ausmass ihrer Verletzung. Sie ist von den Beinen abwärts gelähmt. Monatelang lernt sie das Laufen neu und durchläuft das gesamte Therapieprogramm. Ihre zähe Persönlichkeit hilft ihr, wortwörtlich wieder auf die Beine zu kommen. Doch sie merkt, dass sie ansteht. 

Trotz Hochschulabschluss kann sie kaum noch Zeitung lesen. Das Alleinsein in der Wohnung überfordert sie. Die Stadt wird ihr zu schnell, zu laut. Sie zieht mit ihrem Partner aufs Land. Es dauert Jahre, bis sich Brigitte mit ihrem neuen Leben versöhnt. In dieser Zeit leitet sie eine Selbsthilfegruppe, unterrichtet angehende Pflegefachleute und engagiert sich bis heute für Fragile Suisse. 

«Die grösste Herausforderung bleibt die Unsichtbarkeit der Verletzung»,sagt Brigitte. Eine Freundin von ihr, ebenfalls hirnverletzt, schwankt beim Gehen. Täglich wird sie von Fremden angesprochen: «Bist du betrunken?» Oder: «So eine gehört nicht auf die Strasse!». Es ist eine Form der Ausgrenzung. Was es wirklich bedeutet, eine Hirnverletzung zu haben, hat auch Brigitte selbst erst nach und nach begriffen: «Es ist für jede Person mit einer Hirnverletzung eine riesige Herausforderung, weil man ihr die Verletzung nicht unbedingt ansieht.»

Heute weiss sie: Gesund aussehen und gesund sein sind nicht dasselbe. Und sie weiss auch, was sie im Leben trägt. Ihr Partner ist an ihrer Seite geblieben. «Mehr als die Hälfte der Beziehungen gehen auseinander», sagt sie. «Gerade weil es kein Beinbruch ist, sondern ein jahrzehntelanges Projekt. Es ist ein Geschenk, dass wir noch zusammen sind.»

Es ist nicht selbstverständlich, dass sich Menschen mit einer Hirnverletzung wie Brigitte dermassen engagieren können. Es gibt leider viele Hirnkrankheiten, für die es noch keine ausreichenden Therapien gibt. Genau das treibt die Schweizerische Hirnliga an. 

Dank Forschung, die Sie ermöglichen, konnte zum Beispiel gezeigt werden, dass ein früherer Einsatz von Blutverdünnern das Risiko eines zweiten Hirnschlags deutlich senkt. Und junge Forschende untersuchen heute, wie Sehentwicklungsstörungen bei Kindern früher erkannt und wirksamer behandelt werden können. Das ist Forschung, die Leben verändert.

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