Von Zucker haben wir nie genug
Zucker macht die Menschen glücklich. Schokolade, Bonbons, Kuchen und Torten heben die Laune nach einem missglückten Tag, trösten weinende Kinder, gehören zu jeder Feier dazu und werden gerne verschenkt. Zucker belohnt jedoch nicht nur die Seele, sondern auch das Gehirn – und zwar im wörtlichen Sinn. Aber mit übermässigem Konsum von Zucker tun wir uns nichts Gutes.
Fast wie eine Droge
Sobald die Zunge Zucker schmeckt, schüttet der Körper Dopamin aus, und die Nerven senden ein Signal ins Gehirn. Dort wird unter anderem das Belohnungssystem aktiviert. Diese Struktur, auch mesolimbisches System genannt, besteht aus einem Netz elektrischer und chemischer Bahnen, die durch verschiedene Gehirnregionen führen. Als Botenstoff dient Dopamin.
Das Belohnungssystem hat eine wichtige Aufgabe. Es beantwortet dem Körper die Frage: Willst du mehr davon? Gelangt Zucker auf die Zunge, lautet die Antwort eindeutig Ja. Drogen haben übrigens dieselbe Wirkung. Sie lassen den Körper Dopamin ausschütten, das daraufhin das Belohnungszentrum aktiviert. Der Süchtige versucht deshalb immer wieder, diesen Zustand zu erreichen.
Zucker ist eines der wenigen Lebensmittel, die dopaminauslösend sind. Der Effekt ist zwar nicht so stark wie bei Rauschmitteln, aber er ist nachweisbar. Deshalb verspüren Menschen, die plötzlich auf Zucker verzichten, in den ersten Tagen Entzugserscheinungen. Wird das Belohnungssystem über längere Zeit überreizt, also zu viel Zucker konsumiert, kann das Heisshunger und eine erhöhte Toleranz gegenüber von Zucker auslösen, das heisst: der Körper gewöhnt sich daran. Isst jemand viel Süsses, hat er konstant einen hohen Insulinspiegel.
Zucker macht krank
Paradoxerweise tut sich das Gehirn mit dem ständigen Verlangen nach mehr Zucker nichts Gutes. Denn es mehren sich die Hinweise, dass zu viel Zucker das Gehirn schädigen kann. Unter anderem steht Zucker in Verdacht, Depressionen zu fördern. Das zeigt eine Untersuchung von englischen Wissenschaftlern aus dem Jahr 2017. Sie befragten über 8000 Studienteilnehmer über ihr Wohlbefinden und ihren Zuckerkonsum, und zwar über einen Zeitraum von über 20 Jahren. Insbesondere bei Männern zeigte sich ein Zusammenhang. Befragte, die täglich mehr als 67 Gramm Zucker (das entspricht ungefähr 17 Würfelzucker) in Form von Lebensmitteln oder Getränken zu sich nahmen, hatten höheres Risiko, an einer psychischen Störung zu erkranken als jene, die weniger als 40 Gramm Zucker (ungefähr 10 Würfelzucker) pro Tag assen. Auch fanden die Forscher Hinweise, dass Depressionen bei Männern und Frauen mit hohem Zuckerkonsum häufiger auftauchten. Diese Zusammenhänge hängen nicht von soziodemografischen Faktoren wie Alter, Geschlecht oder Einkommen ab. Die Forscher konnten auch nachweisen, dass der hohe Zuckerkonsum das Gehirn der Probanden beeinflusst und nicht umgekehrt. Ältere Studien lassen zudem vermuten, dass sich Menschen mit einem erhöhten Blutzuckerspiegel Gelerntes weniger gut merken können und häufiger an Demenz erkranken.
Ein Luxusprodukt
Dass unser Gehirn vom Zucker nie genug bekommt, hat einen guten Grund: Es benötigt sehr viel Energie. Und Zucker ist ein hervorragender Energielieferant. Aber natürlich nicht der einzige: Kohlenhydrate, die vor allem in Brot, Reis oder Teigwaren vorkommen, sind ein ebenso guter Brennstoff für Kopf und Körper. Die Menschen kamen sogar Jahrtausende lang ohne Zucker in der Nahrung aus. Erst vor rund 200 Jahren wurde er Bestandteil der täglichen Nahrung. So gesehen ist Zucker also kein notwendiges Nahrungsmittel, sondern ein reines Luxusprodukt.