Artikel Aus der Forschung

Vom «Runner’s High» zur Sportsucht

Sport macht uns stark, gesund, fit und glücklich – und doch kann daraus eine gefährliche Abhängigkeit entstehen. Die Sportsucht ist ein wenig erforschtes Problem. Um zu verstehen, wie aus einem gesunden Bewegungsdrang eine Besessenheit wird, lohnt sich ein Blick auf die Auswirkungen im Gehirn.

Haben Sie schon einmal vom «Runner’s High» gehört? Dies beschreibt einen Zustand intensiven Wohlbefindens und mentaler Leichtigkeit, der während langer Ausdaueraktivitäten – typischerweise einem Marathon – auftritt. Die Ursachen sind nicht restlos geklärt, doch Forschende vermuten dahinter einen erhöhten Ausstoss des Glückshormons Endorphin oder von anderen Stoffen, die ähnlich wie THC aus dem Marihuana wirken und an den gleichen Rezeptoren im Gehirn andocken.

Wer regelmässig Sport treibt, trainiert nicht nur seine Muskeln, sondern auch sein Gehirn. Durch Ausdauertraining wie etwa Radfahren oder Joggen wächst das Gehirn an. Sport mit geringer Belastung führt zu einer Volumenzunahme des Hirnareals, das für die Bewegungssteuerung zuständig ist, sowie des Hippocampus – unserem Erinnerungszentrum. Dies liegt daran, dass die Synapsen wachsen und zunehmen. Dadurch können Menschen nachweislich besser lernen und sich Sachen merken. Intensives Training senkt hingegen den Stresshormon-Pegel und verbessert die Verbindungen der Nervenzellen und auch die Produktion von Wachstumsstoffen.

Zwischen Ausgleich und Abhängigkeit

So positiv sich diese Effekte anfühlen, so gibt es auch eine Kehrseite der Medaille. Sport kann nämlich unter bestimmten Umständen auch problematisch werden und sogar zu einer Abhängigkeit führen. Typische Alarmzeichen sind, wenn das Training zwanghaft und ohne Freude durchgeführt wird oder wenn soziale Beziehungen oder berufliche Verpflichtungen darunter leiden. Die sogenannte Bewegungssucht weist Parallelen zu anderen Verhaltenssüchten wie Glücksspiel-, Gaming- oder Kaufsucht auf. Fachleute entdeckten dieses Phänomen bereits in den 1970er-Jahren, doch bis heute wird es nicht als eigenständiges Krankheitsbild anerkannt. Das erschwert Betroffenen den Zugang zu angemessener Hilfe enorm. Einerseits gibt es keine Kliniken oder definierten Therapien, andererseits wird in sehr vielen Fällen fälschlicherweise eine andere Erkrankung hinter den Symptomen vermutet, etwa eine Essstörung oder ein Burn-out.

Dies rührt insbesondere daher, dass sich die Symptome überlappen. Gerade zwischen Essstörungen und Sportsucht gibt es eine grosse Korrelation, vor allem bei Menschen, bei denen der Gewichtsverlust im Vordergrund steht. Menschen, die berufsbedingt ausgebrannt sind, flüchten auf der Suche nach einem Ausgleich oft in den Sport. Zudem stellen Betroffene beider Krankheiten oft andere Lebensbereiche hinten an und fühlen sich dauerhaft erschöpft.

Für Betroffene gibt es verschiedene Massnahmen, die helfen können, wieder ein gesundes Gleichgewicht zu finden. Der Weg sollte mit einer Beratung durch Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie oder Psychologie beginnen, um mögliche Begleiterkrankungen wie Essstörungen, Burn-out oder Depressionen zu behandeln. Ausserdem gilt es die tiefer liegenden Gründe der Sportsucht zu finden, wie etwa ein niedriges Selbstwertgefühl. Begleitend können Entspannungstechniken, die bewusste Reduktion des Trainings sowie die Pflege sozialer Kontakte dabei helfen, Sport in einen gesunden Kontext zurückzuführen und ein erfülltes Leben ohne Abhängigkeit zu führen. Eine gute Strategie ist es, den Trainingsumfang schrittweise zu reduzieren, neue Hobbys zu entdecken und den Fokus auf die Freude an der Bewegung, statt auf Leistung zu legen.

Eine besondere Herausforderung bei der Bewegungssucht stellt die Tatsache dar, dass eine komplette Abkehr nicht sinnvoll ist – anders als etwa beim Glücksspiel oder Alkohol. Bei einer konsequenten Abstinenz würden die Betroffenen den erheblichen Nutzen des Sports auf die geistige und körperliche Gesundheit verlieren.

Zurück zum gesunden Umgang mit Bewegung

Denn Sport hilft nicht nur, gesund zu bleiben, sondern kann gar eine heilende Wirkung haben. Regelmässiges Ausdauertraining erwies sich in einem Experiment in den 1990er-Jahren beispielsweise als effektiver gegen Depressionen als die damals gängigen Medikamente. Und auch beim Alterungsprozess des Gehirns wurden erstaunliche Effekte gemessen: Sport kann den natürlichen Hirnschwund nämlich nicht nur bremsen, sondern sogar umkehren und das Gehirngewebe vergrössern.

Am Ende sollte Sport wieder das sein, was er im besten Fall ist: eine Quelle der Freude, des Wohlbefindens und der Gesundheit. Wer es schafft, die positiven Effekte zu nutzen und die negativen hinter sich zu lassen, erlebt Sport als einen wertvollen Bestandteil des Lebens. Darum sollten Sie sich hin und wieder die Frage nach der Rolle des Sports in Ihrem Leben stellen: Bringt er Ihnen Freude oder sehen Sie ihn als Pflicht?