Kopf oder Zahl?

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Ein Münzwurf kann dabei helfen, eine schwierige Entscheidung zu treffen. Nicht, indem man den Zufall entscheiden lässt, sondern weil die Münze als emotionaler Katalysator funktioniert.

Den Jobwechsel wagen oder im sicheren Hafen der bisherigen Arbeit bleiben? Ein neues Auto kaufen oder doch besser sparen? Früher oder später im Leben werden wir alle mit solchen schwierigen Fragen konfrontiert. Wer nun zu viel und zu lange über eine Entscheidung nachdenkt, kann den Überblick verlieren. Eine wichtige Entscheidung immer weiter aufzuschieben, ist meistens keine gute Idee: Entweder entscheidet jemand anderes, oder die Zeit lässt eine der Optionen verschwinden.

Den Zufall zu Hilfe nehmen
Es gibt verschiedene Methoden, um die Entscheidungsfindung zu unterstützen. Eine davon ist der klassische Münzwurf. Der Prototyp einer Zufallsentscheidung soll also dabei helfen, eine Entscheidung zu treffen, hinter der man auch stehen kann? Ja, sagt die Sozialpsychologin Mariela Jaffé, die an der Universität Basel zu dem Thema forscht. Der Clou: Im Unterschied zum klassischen Kopf-oder-Zahl-Wurf ist das Ergebnis dieses Münzwurfs nicht bindend. Aber es kann Emotionen auslösen, die beim Entscheiden helfen.

«Der Münzwurf dient als Katalysator. Die von der Münze vorgeschlagene Option wird dabei konkreter», erklärt Mariela Jaffé. Das kann gute oder schlechte Gefühle auslösen, die darauf hinweisen, ob man mit der Zufallswahl zufrieden ist oder nicht. Jaffé und ihre Kollegen und Kolleginnen zeigten in einem vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekt, dass der Münzwurf die Entscheidung zwischen zwei Fünf-Gänge-Menüs tatsächlich klarer macht.

Aktuell forscht das Team der Universität Basel an weiterführenden Fragen: Sind sich die Menschen bewusst, dass sie nach einem Münzwurf vermehrt auf ihre Gefühle achten? Wann nutzen Menschen eher Münzen? Und kann sich ein Münzwurf nicht nur auf die Entscheidung selbst, sondern auch auf die Sicherheit und Zufriedenheit in Bezug auf die Entscheidung auswirken?

Blockierende Faktoren
Über etwas entscheiden zu dürfen, ist eigentlich ein Privileg. Warum fällt es uns dann manchmal so schwer? «Bei grossen Entscheidungen mit langfristigen Konsequenzen gilt es viele Informationen zu berücksichtigen», sagt Mariela Jaffé. «Fakten und Zahlen, aber auch Erfahrungen, Gefühle und die Erwartungen Dritter.»

Zudem bedeute die Wahl einer Option meistens den Verzicht auf die anderen. «Nicht zuletzt wollen wir immer dann bestmöglich entscheiden, wenn auch andere Personen von der Wahl betroffen sind. All das kann die Entscheidungsfindung blockieren.» Hier könne der Münzwurf etwas bewegen. «Er erlaubt uns, eine neue Perspektive einzunehmen. Zuvor erschienen beide Optionen gleichwertig. Die Münze schiebt nun die empfohlene Option näher heran. Dadurch sieht das Abwägen plötzlich anders aus.»

Ein guter Entscheidungsprozess
Die richtige Entscheidung existiere in den meisten Fällen ohnehin nicht, so Mariela Jaffé: «Stellen Sie sich vor, Sie wählen eines von zwei Jobangeboten. Ob das gut kommt, hängt nicht nur von Ihnen selbst ab, sondern auch vom geschäftlichen Umfeld, von der Wirtschaftslage usw.» Was man aber selbst beeinflussen könne, ist der Entscheidungsprozess: Manche Menschen entscheiden gern aus dem Bauch heraus. Andere nehmen sich Zeit und sammeln möglichst viele Informationen.

In unserer Gesellschaft hat die rationale Entscheidung oft einen höheren Stellenwert, meint Mariela Jaffé. Das bedeutet aber nicht, dass sie besser ist als eine intuitive Wahl. «Letztere ist meist schnell getroffen und benötigt weniger kognitive Ressourcen. Vielleicht führen sogar beide Wege zum selben Ergebnis. Aber wenn sich der Entscheidungsprozess für mich gut anfühlt, habe ich viel getan, um für mich eine gute Entscheidung zu treffen – unabhängig vom langfristigen Ergebnis.»

Alle Menschen können kompetent entscheiden
Jeder Mensch entscheidet sich täglich unzählige Male. Das fängt schon morgens an: Wann stehe ich auf? Was ziehe ich an? Was esse ich? Wie bewege ich mich im Verkehr? Mariela Jaffé ist deshalb überzeugt, dass alle Menschen sehr kompetent darin sind, Entscheidungen zu treffen.

Man kann aber trainieren, sich noch bewusster zu entscheiden, indem man Fragen stellt: Wie möchte ich diese Entscheidung treffen? Welches Ziel möchte ich erreichen? Brauche ich zusätzliche Informationen von Expertinnen oder Experten? Möchte ich eine Strategie wie den Münzwurf ausprobieren? Oder auch: Warum fühlt sich eine Option vertrauter an als die andere? Und was bedeutet dieses Gefühl? Was würde ich einem Freund oder einer Freundin in meiner Situation raten?

Eine längere Version dieses Artikels ist bereits im Swiss Dental Journal 11/2021 erschienen. Wiederabdruck mit freundlicher Genehmigung.

 

«Fomo» – Angst, etwas zu verpassen

Der Begriff «Fear of missing out» (Akronym Fomo) bezeichnet die Angst, etwas zu verpassen, weil man sich für eine andere Aktivität entschieden hat, die sich im Nachhinein als die schlechtere Wahl entpuppen könnte. Dabei spielt die Verdichtung von Informationen in den sozialen Netzwerken eine wichtige Rolle: denn dort werden alle verpassten Möglichkeiten angezeigt, die andere erlebt haben. Betroffene bekunden grosse Mühe damit, sich zu entscheiden, und es droht eine Online-Sucht, weil sie ständig nach neuen, besseren Optionen suchen. Auch die Partnerwahl kann von dieser Angst geprägt sein. Diese Menschen sind nicht fähig, eine langfristige Beziehung einzugehen, weil sie stets einen noch passenderen Partner suchen. Fomo ist kein wissenschaftlich beschriebenes Krankheitsbild, sondern benennt eher ein Lebensgefühl,
das aber das konkrete Verhalten prägt und sogar körperliche Symptome auslösen kann.

Die Sozialpsychologin Mariela Jaffé arbeitet an
den Universitären Psychiatrischen Kliniken in Basel
und forscht an der Universität Basel zum Thema
Entscheidungsfindung. (Bild: zVg)

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